Vor 110 Jahren ist Wilhelm Reich geboren und in diesem Jahr wiederholt sich zum fünfzigsten Mal sein trauriger und einsamer Todestag. Dies ist ein Moment,
dieses grossen Mannes, der auch seinen inneren kleinen Mann akzeptierte, zu gedenken. Ein Personenkult ist gerade in seinem eigenen Verständnis nicht angebracht. Für ihn war sein Werk immer im Vordergrund;
vielleicht das Wichtigste in seinem Leben überhaupt.
Er ist der Vater der Körperpsychotherapie und der meisten Körpertherapien. Er hat der Freudschen Psychoanalyse wichtige Impulse gegeben. Sein Name wird von
den Autoren, die von ihm gelernt haben, gemieden. Weshalb das so war, wird in dem Artikel in dieser Ausgabe von Lore Reich, seiner Tochter, sehr klar dargestellt.
Erst mit der Jugendbewegung der 60-er Jahre hat Wilhelm Reich ein Revival erlebt; zuerst ein politisches und sexualpolitisches, dann vor allem im Bereich der
Körperpsychotherapien. Vor allem auf diesem Gebiet der Köperpsychotherapien wurde sein Werk weiterentwickelt und gepflegt. Nicht zuletzt kann sich die Biosynthese rühmen, einen wichtigen Beitrag dazu geleistet zu
haben. Wir sind auch sehr glücklich darüber, dass sich in den letzten 15 Jahren die neuen Babytherapien immer mehr entwickelt haben. Auch hier hat Wilhelm Reich Impulse gegeben, welche von seiner Tochter Eva Reich
weitergeführt wurden und heute von jüngeren Schülern verfeinert und ausgearbeitet werden.
Nur ganz wenige Menschen haben in den letzten 50 Jahren versucht, sein Werk auf anderen Gebieten als der Therapie weiterzuverfolgen; da sei die Orgon-,
Bion-, Krebs- und die Klimaforschung erwähnt. Obwohl von verschiedenen verdienten Menschen* wichtige Experimente nachvollzogen worden sind, ist das breite Echo in der Welt der Wissenschaft ausgeblieben.
Es gab kleine Gruppierungen, die versuchten, Reichs Werk zu rezipieren und aufzuarbeiten. Darunter befindet sich auch die von Christoph Mijnssen gegründete
zarte Pflanze „Die Blaue Spur“.
Es erscheinen in dieser Nummer einige Beiträge, die durch die ergreifende Aufführung der „Rede an den kleinen Mann“, dargestellt durch Gerd Balluch,
inspiriert sind. Wir sind glücklich darüber, dass uns Wolfram Ratz von der Zeitschrift BUKUMATULA den Artikel von Lore Reich zur Verfügung gestellt hat. Sie leistet darin einen wichtigen Beitrag zur
geschichtlichen Aufarbeitung von Reichs Leben und Werk. Sie beleuchtet darin vor allem die Rolle Anna Freuds und die deren Vaters Siegmund, welche beide spielten, um Wilhelm Reich als verrückt zu verleumden und
an den Rand zu drängen.
Da uns vor allem das Werk Reichs am Herzen liegt, veröffentlichen wir in dieser Ausgabe das Kapitel „Rhythmen des Körpers“ aus David Boadellas Wilhelm
Reich Werk-Biographie, das seit einigen Jahren vergriffen ist und 2008 bei Schirner Taschebuch neu aufgelegt wird.
Neben diesen wichtigen historischen Beiträgen freut es uns besonders, dass wir fünf Artikel von Autorinnen drucken dürfen, welche sich mit Erkenntnissen
und Entwicklungen ihrer eigenen therapeutischen Arbeit mit Biosynthese beschäftigen. Die erfreulich grosse Bandbreite der Arbeiten reicht von der feinstofflichen Energiearbeit über das Phänomen des „Verlorenen
Zwillings“ zur Traumatherapie in der Biosynthese bis hin zur Erkenntnissen über Pollenallergie.
Der Abschluss dieser Ausgabe von Energie und Charakter bildet eine interessante historische Arbeit, welche eine fundierte Uebersicht zu den verschiedenen
Seelenbegriffen und zum Thema der Seelenreise in verschiedenen Kulturen gibt.
Ich danke an dieser Stelle der entscheidenden und wichtigen Arbeit von Silvia Specht Boadella und David Boadella, welche beide immer wieder zum Entstehen
von Energie & Charakter beitragen.
Erwin Kaiser
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